Aktuelle Seite: StartChronikSonstige EreignisseUEFA-Cup 05.04.1989
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UEFA-Cup 05.04.1989: VfB Stuttgart - SG Dynamo Dresden - Fanclub ElbflorenzAls uns die organisierte Reise zum Hinspiel im Viertelfinale des UEFA-Pokals im Februar 1989 bei Victoria Bukarest leider versagt blieb, war die Enttäuschung darüber natürlich erstmal groß. Wollten wir doch unsere so erfolgreich spielende Mannschaft endlich auch international unterstützen.

Als sich die Verärgerung irgendwann gelegt hatte, passierte etwas, was wir eigentlich für völlig unmöglich hielten.

Ich war gerade bei ZFTM auf der Karl-Marx-Straße im Rechenzentrum mit meiner  Nachtschicht beschäftigt, als mich einer von der FDJ-Leitung aus Dresden anrief, um mir mitzuteilen, dass sie und Jugendtourist planen 15 Busse mit 600 Dynamofans zum Halbfinale nach Stuttgart zu schicken. Sozusagen als Ersatz, für die entgangene offizielle Bukarest-Reise…

Bedingung war, am inzwischen angebrochenen Tag, glaube ich mich zu erinnern, mit 160 Ostmark, 2 Passbildern und dem Perso zur FDJ-Bezirksleitung in Trachau zu kommen. Ich war bis dahin durch die Nachtschicht ziemlich müde.

UEFA-Cup 05.04.1989: VfB Stuttgart - SG Dynamo Dresden - Fanclub Elbflorenz in der Jungen WeltAber nur bis dahin! Dann schoss mein Puls hoch und ich war hellwach. Als Fanclubchef, versuchte ich nun zur „Unzeit“ alle aktiven Mitglieder irgendwie zu erreichen und die wichtigen Infos durchzuzugeben. An meine Arbeit war natürlich nicht mehr zu denken. Meine Finger waren schon wund von der Wählscheibe des Telefons im Zimmer meines Abteilungsleiters. Zum Glück war da keiner da. War ja Nachtschicht ;-) …

Nach der Schicht bin ich dann mit Bus und Bahn nach Löbtau in meine Wohnung gefahren, um noch etwas pennen zu können. Vorher musste ich aber noch Geld besorgen und irgendwoher 2 Passbilder organisieren. Von jetzt auf dann neue machen zu lassen, war ja damals noch unmöglich. Ich wühlte alles durch, fand auch eins, aber das zweite… Naja, kurzerhand habe ich meinen DSF-Ausweis gefunden und dort das Foto „entnommen“. War ja für einen guten Zweck!

Habe mich dann noch etwas hingelegt. Und was soll ich sagen, als ich aufwachte und auf die Uhr schaute, hatte ich verpennt! So eine Scheiße! Stress, Hektik, Panik! Was machste nun? Ich schnappte meine erforderlichen Utensilien und rannte zur Kesselsdorfer Straße um vielleicht, das mit einem Lottogewinn vergleichbare Glück zu haben, ein Taxi zu finden…

Ich sprintete wir Marlies Göhr in ihren besten Zeiten die ganze „Kellei“ runter, wo irgendwo am Anfang ein Taxistand war. Ich hatte Glück, es stand eines da!!! Ich schilderte dem Fahrer meine Situation und er gab Gas, rammelt mit mir über die Autobahn nach Trachau und ich kam noch relativ „pünktlich“ am Treffpunkt an. Puuh!

Es wurden dort nun alle notwendigen Formalitäten abgewickelt und uns natürlich die Richtung für das kapitalistische Ausland mitgegeben. In dem Moment war uns noch überhaupt nicht klar, klappt das nun oder bleibt es bei einem Versuch? So richtig daran glauben konnte niemand.

UEFA-Cup 05.04.1989: VfB Stuttgart - SG Dynamo Dresden - Das ProgrammheftBevor der Termin ran war, mussten wir auch nochmal bei Dynamo ins Funktionsgebäude und eine „Schulung“ über uns ergehen lassen, wie wir unser sozialistisches Vaterland im Westen vertreten sollten…

In der Nacht vom 04. zum 05.04.1989 trafen sich nun alle „Ausreisewilligen“ auf der Bayrischen Straße hinter dem Dresdner Hauptbahnhof. Von uns waren alle angetreten, die die „Vorprüfung“ überstanden hatten. Wir wunderten uns zwar, dass vereinzelte Mitglieder mitreisen durften, die eigentlich schon in Konflikt mit dem Staat gekommen waren. Vielleicht hofften die Verantwortlichen, dass diejenigen sich freiwillig verabschieden. Oder es waren schon die Vorboten zur Revolution, die ja wenig später auf den Straßen des Ostens stattfand. Viele Gesichter kannte man aus der aktiven Fanszene bzw. aus dem Stadion. Aber einige konnten wir beim besten Willen nicht zuordnen… Wir steckten diese Personen einfach in die inoffizielle „Stasischublade“ und waren vorsichtig…

Ein böses Erlebnis hatten wir dann beim Einsteigen in unseren Ikarus-Reisebus doch noch zu verzeichnen. In unserem Club war auch ein Ehepaar Mitglied, was bis zu diesem Zeitpunkt auch mitreisen sollte. An der Tür zum Bus wurden Sie aber leider noch abgepasst und ohne weitere Begründung wieder heimgeschickt. Wie dann die Stimmung war, kann man sich leicht vorstellen…

Irgendwann ging dann aber die lange Reise los.

UEFA-Cup 05.04.1989: VfB Stuttgart - SG Dynamo Dresden - Das ProgrammheftAm Grenzübergang Herleshausen war es relativ entspannt. Die DDR-Grenzer schauten zwar genau hin und guckten relativ grimmig, die Westkollegen hatten kein Problem mit uns und waren teilweise auch zum Scherzen aufgelegt. Kaum fuhren wir weiter, wurde der Grenzübertritt lautstark bejubelt und die ersten West-Autobahnschilder und Westbetriebe  durch die Frontscheibe fotografiert. Es konnte kaum jemand glauben, dass es nun Wirklichkeit geworden war!

Unterwegs haben wir natürlich das Eine oder Andere getrunken. Das bedeute aber auch, dass man(n) auch mal pinkeln musste. Das ging aber nicht so ohne weiteres. Die Busse durften nicht überall anhalten. Ich habe heute noch den Spruch eines unserer Mitglieder im Ohr: „Halte jetzt die Karre an, oder ich pinkel in die Bierpulle!…“. Naja, irgendwann wurde dann an einer Raststätte halt gemacht und jeder konnte „frei“ seinen Bedürfnissen nachgehen. Diese Chance soll dann gleich einer genutzt haben um eine der Reisegruppen zu verlassen. Das war ja im Prinzip auch zu erwarten. An dieser Stelle sei noch erwähnt, dass von uns keiner geplant hatte im Westen zu bleiben. Darüber haben wir Jahre später auch nochmal diskutiert. Die Reise wurde dann relativ zeitnah fortgesetzt.

UEFA-Cup 05.04.1989: VfB Stuttgart - SG Dynamo Dresden - ProgrammheftbeilageSo gegen 15 Uhr erreichten wir, getrennt und nicht in Kolonne von 15 Bussen, endlich unser Ziel Stuttgart. Es war feierlich! Unser Bus war ja als Fanbus von Dynamo zu erkennen. Es gab auf der Straße Hubkonzerte und gegenseitige Winkorgien. Am besten fand ich, als mit einem halsbrecherischen Fahrmanöver, ein Tausch von Fanartikeln durch das obere kleine Fenster im Ikarus mit einem Stuttgarter Fan, der während der Fahrt soweit aus dem hinteren Fenster seines PKWs geklettert war um die Hand unseres Mitfahrers zu erreichen, stattfand.

Die Busse fanden sich dann, wie geplant, auf dem Gelände der Daimler-Benz AG in der Nachbarschaft des Neckarstadions ein. Dort wurden wir herzlichst begrüßt und anschließend durch das Daimler-Museum geführt. Wie die Ossis so waren, sammelten sie dort alle möglichen kostenlosen Werbeartikel, Prospekte und Plastiktüten ein, dass es fasst schon peinlich war. :-)

Ungefähr zwei Stunden später durften wir uns dann freibeweglich zum Stadion aufmachen. Auf dem Weg dahin, gab es wieder herzliche Begegnungen mit den Einheimischen oder früher Ausgereisten. Wir wurden sogar zu einem Begrüßungsbier eingeladen und es wurde freundlich getalkt. Natürlich gab es auch negative Begegnungen mit „gestrandeten Ossis“, die uns als Stasischweine oder ähnliches beschimpften. Davon ließen wir uns aber die gute Stimmung nicht vermiesen. Die „Junge Welt“ interviewte uns auch noch, danach betraten wir dann die für uns riesige Schüssel, bekamen am Eingang ein Programmheft geschenkt und wir versuchten unseren Platz aufzusuchen. Leider war es so, dass die 600 Dynamofans über mehrere Blöcke verteilt ihre Plätze hatten, sodass die Lautstärke unserer Sprechchöre im Rahmen blieb. Aber den Rest der 50.000 Zuschauer zu übertönen, wäre sowieso nicht so einfach gewesen. Wir jedenfalls gaben unser Bestes. Wir hatten sogar unsere große Trommel dabei und diese war ständig in Betrieb.

UEFA-Cup 05.04.1989: VfB Stuttgart - SG Dynamo Dresden - Die EintrittskarteLeider verloren wir dennoch das Spiel durch einen Treffer von Karl Allgöwer mit 1:0. Aber für das Rückspiel am 19.04.1989 im Dynamostadion, hatten wir damit ja noch alle Chancen das Finale im UEFA-Cup zu erreichen.

Danach machte sich der übrige Teil der Reisenden auf den Heimweg. Sieben Leute haben die Chance wohl genutzt und sind dort geblieben. Wenn sie damals schon gewusst hätten, was dann im Herbst in der Republik stattfand…

Nichtsdestotrotz war es eine tolle Reise und wird sicher niemals vergessen werden. Die Fahrten nach Moskau, Luxemburg, Malmö oder Belgrad wurden damit im Nachhinein eigentlich in den Schatten gestellt.

Natürlich wäre es ein Traum mit Dynamo wieder mal auswärts ein Europacupspiel zu erleben, dies wird aber wahrscheinlich auf lange Zeit ein Traum bleiben.

Ich habe noch ein interessantes Dokument beim Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen gefunden. Die Broschüre „Die Stasi in Stuttgart“ beleuchtet auch diese Reise aus Sicht des MfS.

Link: Broschüre „Die Stasi in Stuttgart“

/jr

PS: Die 15 DM Tagesgeld habe ich wieder mit nach Dresden gebracht ;-)